Kapitel I: 1895 bis 1945

Pleystein, eng verbunden mit den Stadttürmern aus dem Geschlecht der Familie Müllner, war schon seit Jahrhunderten eine Stadt der Musik und des Gesangs. Was lag also im ausgehenden 19. Jahrhundert näher, als dem Beispiel vieler deutscher Städte besonders in den Weingegenden von Franken und der Pfalz zu folgen und auch einen Gesangverein zu gründen, wo man dem „Deutschen Lied“ eine organisierte Heimat geben konnte. Die Geschichte des Männergesangvereins Pleystein beweist, dass er in all den Jahrzehnten Männer mit Herz, Hand und Stimme in seinen Reihen hatte, die bereit waren, jedes Opfer für das „Deutsche Lied“ sowie dem gesanglichen und musikalischen Volksgut ihrer Heimat zu bringen. Das „Deutsche Lied“ stieg empor überall im Vaterland, es wurde gesungen bei freudigen Anlässen, aber auch bei traurigen Begebenheiten. Man schrieb das Jahr anno 1895. Pleystein war zugedeckt mit dem weißen Mantel des Winters. Der Stadtweiher, in dem sich den ganzen Sommer die bizarren Felsen des Kreuzberges spiegelten, war zugefroren. Über das „spiegelnde Herz“ von Pleystein und über das Wahrzeichen des Rosenquarzstädtchens, dem Kreuzberg, senkte sich ein frostiger Winterabend. Es war der Tag des heiligen Nikolaus, der 6. Dezember 1895, als sechs Gestalten, kommend aus den verschiedenen Straßen und Gassen des Ortes, dem Haus Nummer 34 in der Altstadt zustrebten, der sogenannten „Alten Post“, wo man gewillt war und getragen von hohem Idealismus, das „Deutsche Lied“ als ererbtes Volksgut zu singen und dabei auch die Geselligkeit zu pflegen.

Gründungshaus des Männergesangvereins 1895 in der Altstadt 34 – „Alte Post“ (Haus des Georg Wildenauer)

Im Haus des Georg Wildenauer wurde an diesem Tag der Männergesangverein Pleystein aus der Taufe gehoben, ein Verein des Gesangs und der geselligen Unterhaltung. In der rauchgeschwängerten Wirtsstube, rechts visavis vom Hause Bauer, erklang dann auch bald der erste Sängerspruch: „Grüß Gott mit hellem Klang!“ aus sechs Kehlen von sangesfreudigen Männern aus Pleystein, die damit den Grundstock des „Männergesangvereins 1895 Pleystein“ legten. Es waren dies Alois Wildenauer (Dirigent), Johann W. Müllner (1. Vorsitzender), Carl Pflaum (Schriftführer), Carl Sax (Beisitzer), Alois Müllner (Beisitzer), Franz Pühler (Kassier).

Nach der Gründung wurden weitere Mitglieder in den Verein aufgenommen: Josef Völkl, Franz Fichtl, Max Hauser (Stadtschreiber), Johann Eichl, Hugo Neumann (Filzmacher), Johann Reger (Bürger), Johann Rödl (Schreiner), Leo Maduschka (Kaufmann), Michael Pflaum (Schneider). Andreas Pflaum (Schneider).

Der Männergesangverein hatte im Gründungsjahr 16 Mitglieder. Bereits im Jahre 1903 sangen 14 Aktive im Männerchor, und 40 Mitglieder traten als Passive dem Verein bei. Schon um die Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 hatte der Verein einen großen Zuspruch und steten Aufschwung. Vor dem großen Brand am 10. Juli 1901 sang man schon einige Jahre im Hause des Alois Wildenauer in der Neuenhammerstraße, zum Glück, denn so konnte das bereits angeschaffte Notenmaterial gerettet werden.

Nach der Brandkatastrophe sang man dann ab 1907 wieder im Gründungshaus in der Altstadt und siedelte nach dem ersten Weltkrieg in das neue Vereinslokal „Beim Leimwirt“ oder  auch „Gasthof zum goldenen Löwen“ genannt, heutiges Anwesen Albert Schopper am Marktplatz, über. Hier wurde das erste Klavier angeschafft, das man dem Kaufmann Maduschka für 400 Reichsmark abkaufte. Beim Einzug der Augustiner verschönerte der Männerchor in 1903 die Empfangsfeier mit dem Lied „Ein Kirchlein steht im Blauen auf steiler Bergeshöh“. 

Männergesangverein Pleystein beim Waldfest am 19.Juli.1914 auf dem Fahrenberg vor der Wallfahrtskirche

1914 verzeichnete der Männergesangverein bereits 62 Mitglieder. 22 Sänger aus Pleystein zogen dann den grauen Rock über und kämpften auf den Kriegsschauplätzen in aller Welt für die Heimat und ihr Vaterland.

Am 15 April 1913 bereits wurde angeregt, eine Vereinsfahne anzuschaffen und die Fahnenweihe festlich zu begehen. Die goldenen zwanziger Jahre brachten auch dem Männergesangverein einen ungeheuren Aufschwung und die ersten Höhepunkte im Vereinsleben. Anton Wurzer, der große Oberpfälzer Heimatdichter, die Gebrüder Hans, Sebastian und vor allem Alois Sax, Franz Landgraf, Sebastian Müllner, Johann Müllner, Josef Schön, Alois Wildenauer, Wenzel Kirner, um nur einige zu nennen, haben damals ein Kapitel Geschichte des Männergesangvereins mitgeschrieben. Ihre Namen sind aus dem Verein nicht wegzudenken.

Am 15. Juli 1923 wurde die Fahnenweihe festlich begangen. 89 Vereine wurden eingeladen, darunter auch die Feuerwehr Reichenthal aus dem Geburtsort unseres Chronisten Erwin Klotz im nahen Sudetenland. Fahnenjunker war Anton Bock, Fahnenbraut Emma Wildenauer, die Tochter des ersten Dirigenten Alois Wildenauer. Patenverein war der Sängerbund Weiden. Die Vereinsfahne wurde von der Taubstummenanstalt Michelfeld angefertigt. Für die Fahne mussten inflationsbedingt 48 Millionen Mark bezahlt werden.

Am 6. Juli 1923 wurde der Männergesangverein in den „Fränkischen Sängerbund“ aufgenommen. Im Verein sangen 25 Aktive. 1924 verzeichnete man bereits 122 Mitglieder, und 1928 waren es schon 142 aktive und passive Sänger.

Fahnenweihe am 15. Juli 1923, Fahnenbraut – Emma Wildenauer Fahnenjunker – Anton Bock, Patenverein – Sängerbund Weiden

Es kam die Zeit der großen Operettenaufführungen und Singspiele. Als erste Operette sang man „Winzerliesl“. Es folgten „Alt Heidelberg“, „Der arme Heinrich“, „Wenn der Schlehdorn blüht“, „Elslein von Caub“,

„Die Landparty“ „Hauptmann Jaguar“ und als Krone der Aufführungen „Der Weg ins Paradies“. In all diesen Spielen verkörperte meist der 1978 verstorbene Sebastian Müllner („Weißn-Adl“) die Hauptrolle. Ganz Pleystein und auch ausgewanderte Sänger in Amerika identifizierten sich mit dieser Operette, und es ging das geflügelte Wort von der alten „Hofner Lina“ durch Pleystein: „Wenn diese Operette zehn Mal gespielt wird, dann wird sie zehn Mal angeschaut!“.

Der Männergesangverein erlebte in diesen zwanziger Jahren Sternstunden der Musik und des Gesangs. Ganz Pleystein hatte diesen Verein ins Herz geschlossen, der immer wieder durch seine Aufführungen begeisterte und nicht müde wurde, das gesellschaftliche Leben seiner Heimatstadt mitzuprägen.

Der zweite Weihnachtsfeiertag wurde der Tag des Männergesangvereins. Am 26. und 27. Dezember 1924 wurde die legendäre Operette „Der Weg ins Paradies“ zum ersten Mal aufgeführt. Gute nachbarliche Beziehungen wurden auch zu den Sängern im nahen Sudetenland gepflegt. Zum Heimatfest der Deutschen in Böhmen fuhr man am 6. Juli 1921 mit einem Pferdegespann nach Pfraumberg. Unauslöschlich für alle Teilnehmer war damals der Massenchor unter der historischen Burg Pfraumberg mit dem Titel: „Wer ist des Deutschen Vaterland“.

Am 9. Juli 1924 nahm man am Bezirkssängertag in Haid teil, nachdem man im selben Jahr in das neue Vereinslokal des Adam Völkl übersiedelte. Bereits vier Tage später, am 13. Juli 1924, machte man sich auf den Weg nach Waldthurn, um dort zur Fahnenweihe die Patenschaft zu übernehmen. Am 13. Dezember 1925 feierte man im kleinen Rahmen im Vereinslokal „Böllertn“ das 30-jährige Stiftungsfest.

Zum Pfingstfest 1925 und 1928 veranstaltete der Verein in Verbindung mit dem Oberpfälzer Waldverein Pleystein einen Sängerwettstreit um den Silberbecher. Dem Turnverein sagte man am 6. April 1925 finanzielle Unterstützung beim Bau eines Vereinshauses zu. 14 Pleysteiner Sänger fuhren 1928 nach Wien und beteiligten sich dort mit der Fahne am 10. Deutschen Sängerbundfest von 19. bis 23. Juli.

Pleysteiner Sänger nahmen vom 19. bis 22. Juli 1928 am 10. Deutschen Sängerbundfest in Wien teil. Abordnung mit Fahne vor dem „Schubert-Denkmal“ in Wien hintere Reihe: Johann Wolf, Hans Drexler, Hans Sax, Michael Sax, Josef Haberkorn, Alois Sax, Josef Pflaum vordere Reihe: Hans Hartwig, Johann Müllner, Johann Poblotzki, Hans Weig nicht im Bild: Wenzl Kirner

Der nach Amerika ausgewanderte ehemalige Sänger und Hotelier in Buffalo, Adam Rödl, schrieb 1929 in einem Brief nach Pleystein und drückte darin seine Sehnsucht nach der Heimat und zum Männergesangverein aus. Er überwies zehn Dollar und blieb weiterhin Mitglied. Adam Rödl stiftete am 4. Dezember 1930 das Lied „Heimkehr“ von Erwin Büttner.

Bis zum 2. Januar 1924 leitete Johann Müllner („Stafferl-Wirt“) als erster Vorsitzender den Verein. Sein Nachfolger wurde Martin Schlegel, Postexpeditor in Pleystein, der bis zum 22. März 1926 den Vorsitz hatte.  Der erste Dirigent Alois Wildenauer wurde am 21. Januar 1925 letztmals genannt. Anton Wurzer übernahm am 17. Januar 1927 bis 7. Januar 1935 das Dirigentenamt. Dann wurde Hans Sax neuen Chorleiter, der diesen Posten bis zum 22. Januar 1939 bekleidete (Ausbruch des Zweiten Weltkrieges). Für seine Verdienste um den Männergesangverein wurde Alois Müllner, Stadttürmer in Pleystein, am 29. Januar 1897 zum ersten Ehrenmitglied des Vereins ernannt. Kanzleirat Max Hauser wurde am 30. Juli 1923 für seine Verdienste als zweiter Vorsitzender zum Ehrenvorstand proklamiert. Ebenfalls für seine Verdienste wurde 1923 Carl Sax die Ehrenmitgliedschaft übertragen. Alois Wildenauer, 30 Jahre Dirigent des Männergesangvereins, wurde am 7. Januar 1929 zum Ehrendirigenten berufen.Josef Schön war der dritte Vorsitzende des Vereins, der auch bis zum 22. Januar 1939 den Verein als sogenannter „Vereinsführer“ durch die Klippen des „Dritten Reiches“ führte. Letztmals erwähnt wurde der Verein im Kriegsjahr 1941 mit Chorleiter Hans Sax, Vorsitzendem Josef Schön („Schön-Pepe“) und zwölf aktiven Sängern. 

Der Zweite Weltkrieg brachte eine Unterbrechung im Geschehen des Gesangvereins mit sich. Wieder kehrten zahlreiche Sangesbrüder nicht mehr in ihre Heimat zurück.

(Zusammengestellt aus Gesprächen mit Sebastian Müllner und aus Protokollbüchern im Dezember 1978 von Erwin Klotz).

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